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Remember Dr. Zweig

Brief einer Unbekannten / Schachnovelle

Als halbe Kinder erlebten wir in der NS-Zeit alle möglichen Verbote, Lese-, Seh-, Denkverbote. Als der Schrecken vorüber war, entdeckten wir alle Arten von Kunst, die man uns vorenthalten hatte und sogen sie gierig in uns ein. Wir schätzten hoch Stefan Zweigs Biographien, seine psychologischen Studien, seine feine Sprache. Wir verschlungen ihn.

Er war in den 30er Jahren nach England gegangen, nach 1938 war ihm, dem Juden, seine Heimat für immer verwehrt. Eine Vortragsreise führte ihn nach Südamerika. Er blieb in Brasilien und nahm sich dort am 22.2.1942 mit seiner Frau das Leben in tiefer Depression über die Selbstvernichtung der Welt von Gestern, über die geistige Katastrophe Europas, von der sich der Kontinent bis heute nicht erholt hat.

Nach seiner Überfahrt per Schiff hatte er die Schachnovelle geschrieben. Stefan Zweig spielte Schach, nicht sehr gut, aber sehr gerne. In seinen Wiener Zeiten verkehrte er in den Kaffeehäusern der großen Stadt. Wien war seit den Zeiten der Monarchie zusammen mit London, Paris und Petersburg eine europäische Schachhauptstadt. Aus den weiten Ländern des Reiches strömten damals alle möglichen Talente herbei, so auch Schachmeister. Aus Lemberg und Czernowitz kamen sie, aus den Weiten Ungarns und der Ukraine; Slawen, Rumänen, Juden. Der erste offizielle Weltmeister, Wilhelm Steinitz, ein Prager Jude, war als junger Student nach Wien gekommen und wurde dort für die große Schachwelt entdeckt. Das Café Central, damals weitläufiger als heute galt als eine Schachhochschule. Zweig verkehrte dort, spielte nicht nur, beobachtete auch diese Welt der Literaten und Schauspieler, der Journalisten und Politiker, der Rechtsanwälte und Bankiers. Dort wurde diskutiert und gespielt, Karten, Billard, Schach. Er sah die Patzer und die großen Meister, die ihn zu seiner Novelle inspirierten.

Es gibt verschiedene Typen von Schachspielern. Es gibt Meister, die robust, stoisch sind, die absolut nichts anderes können als Schach spielen, das aber überragend wie Zweigs arroganter Weltmeister, den er nicht zufällig Czentovic nennt. Es gibt andere, feingliedrig, vielseitig interessiert wie der hypersensible Dr. B. Den beiden und allen Meistern ist gemeinsam eine besondere Art von Phantasie, die Fähigkeit, in jeder Position auf dem Brett, in der oft unzählige Züge möglich sind, die den Amateur verwirren, mit Sicherheit die paar stärksten Züge zu finden. Je besser der Spieler, desto rascher sieht er vor seinem geistigen Auge die Varianten, die sich ergeben können, schätzt Stellungen ab und macht seinen Zug. In seiner Phantasie läuft ein permanenter Film über mögliche Positionen ab. Ohne die Figuren auf dem Brett zu berühren, verschiebt er sie im Kopf. Wenn es sein muß, braucht er gar kein Brett. Er spielt im Kopf ganze Partien. Das kann auch Zweigs Dr. B. Er hat es als politischer Häftling im Gefängnis gelernt. In seinen Partien auf dem Schiff ins Exil zeigt sich, daß er offenbar so talentiert ist wie der Weltmeister. In seiner nervösen Labilität hält er aber den Felsblock Czentovic nicht aus und erliegt seiner eigenen davongaloppierenden Phantasie.

Unzählige Schriftsteller haben sich mit dem Motiv Schach beschäftigt, von den frühen Minnesängern bis zu Samuel Beckett und Elias Canetti. Das beste Stück Literatur über dieses Thema ist bis heute Stefan Zweigs Schachnovelle.

Daß Johannes Pump und Barbara M. Simoner sie zusammen mit dem Brief einer Unbekannten szenisch aufgelöst 60 Jahre nach Zweigs Tod im Exil hervorragend spielen, ist eine bedeutende, dringlich notwendige Huldigung an den großen europäischen Autor.

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